Der Sportkurier im Gespräch mit Kenan Kocak
Der Sportkurier im Gespräch mit Kenan Kocak
Archiv | erstellt am Fr. 13.12.2013
Kenan Kocak: Man muss sich immer die Ausgangssituation vor Augen halten, unter der ich hier begonnen habe. Ich wurde erst spät als Trainer verpflichtet. Erst während die Vorbereitung schon in vollem Gange war, kamen viele Spieler neu hinzu, angefangen von Fabian Schleusener über Phil Weimer, Enis Saiti, Sebahattin Öztürk, Nassim Banouas, Erich Sautner, um nur einige zu nennen. In der laufenden Runde hatten wir auch nicht ganz so erfreuliche Phasen. Daher darf man mit der bisherigen Bilanz nicht völlig unzufrieden sein. Es gilt nun, weiter sehr hart zu arbeiten, um in den weiteren Spielen die Ernte, sprich noch mehr Punkte und damit den verdienten Lohn für den von uns betriebenen Aufwand einzufahren.
Sk: Wie bist Du insgesamt mit der Entwicklung der Mannschaft zufrieden? Gab es in der bisherigen Runde positive oder negative Überraschungen für Dich?
K.K: Gemeinsam mit Offenbach waren wir wohl der Verein mit dem größten personellen Umbruch. Das darf man nicht übersehen. Alle anderen Vereine haben Teams, die mitunter schon seit Jahren sehr gut eingespielt sind. Die Entwicklung des Teams ist dementsprechend noch längst nicht abgeschlossen. Wir arbeiten daran. Sehr positiv überrascht war ich vom taktischen Stand, auf dem sich die Spieler befinden. Negativ war für mich der hohe prozentuale Anteil an individuellen Fehlern, der zu Gegentoren führte. Das war ich so bisher nicht gewohnt. Bei meinen früheren Trainingsstationen habe ich immer einer der stärksten Defensivreihen gehabt.
Sk: Zu Hause wollte man wieder eine Macht werden. Zuletzt bezog man aber zwei Heimniederlagen hintereinander.
K.K: Mich interessiert zunächst einmal der Auftritt der Mannschaft. Gerade im letzten Spiel gegen Großaspach hat sie trotz der Niederlage nicht enttäuscht, sondern gut gespielt. Auch in anderen Partien zuvor wie z. B. gegen Neckarelz hat das Team so gespielt, dass die Fans dennoch zufrieden waren, obwohl es für den Sieg nicht ganz gereicht hat. Der Funke ist übergesprungen und die Mannschaft wurde auch euphorisch gefeiert.
Foto: Tolle Choreografie der Waldhof-Fans beim Spiel gegen die Offenbacher Kickers.
Sk: Stimmt das Verhältnis zwischen Leistung auf dem Platz und den errungenen Punkten?
K.K: Nein, auf keinen Fall stimmt dieses Verhältnis. Wir haben in vielen Spielen einen sehr hohen Aufwand betrieben, wurden aber einfach nicht belohnt dafür. Meist durch individuelle Fehler oder durch taktisches Fehlverhalten einzelner, mussten wir Gegentreffer hinnehmen, die so nicht fallen dürfen. Da kannst du aber im Training oder in Sitzungen und Einzelgesprächen noch so lange darauf hinwirken. Wenn sich die Häufigkeit dieser individuellen Fehler nicht ändert, dann werden wir das Problem auch in der Zukunft haben.
SK: Die Konsequenz?
KK: Wir werden mit den Spielern in Zukunft nicht mehr weiterarbeiten können, die immer wieder an Treffern schuld sind, nur weil die Konzentration nicht hochgehalten wird, oder eklatante Fehler begangen werden.
Foto: Das Trainerteam des SV Waldhof Mannheim. Von links: Heitz, Clauß, Stelly und Kocak.
Sk: Von Zuschauern wurde auch die häufige Rudelbildung nach Spielen kritisiert. Eine Frage der Disziplin oder sieht man daran, unter welcher Spannung die Spieler stehen?
K.K: Ich möchte eine Mannschaft sehen, die lebt und Emotionen zeigt. Es ist grund-sätzlich positiv, dass die Spieler von den Fuß- bis zu den Haar-spitzen voll motiviert auf dem Platz stehen. Durch unsere in der Vorrunde erlittenen Rückschläge entlädt sich auch manches auf dem Feld. Aber es ist natürlich richtig, dass wir uns nicht auf Provokationen von anderer Seite einlassen dürfen. Hier müssen wir uns im Griff haben.
Sk: Sind in der Winterpause Veränderungen im Kader geplant? Sind auch Notverkäufe denkbar, nachdem die Schulden beim Club wie auf der Mitgliederversammlung verkündet, zuletzt wieder gestiegen sind?
K.K: Auch einen Verkauf eines Spielers aus finanziellen Gründen ist natürlich möglich. Im Hinblick auf Neuverpflichtungen kann man sagen, dass es aus den eben genannten Gründen eher nicht möglich ist, auf dem Transfermarkt tätig zu werden. Und für Spieler die aus irgendeinem Grund weggehen wollen, ist die Tür jederzeit offen. Wer es nicht schätzt, das Trikot des SVW tragen zu dürfen und sich nicht mit diesem Club identifiziert, wird nicht aufgehalten.
Sk: Wie ist das Verhältnis zum gerade wiedergewählten Präsidium? Klappt die Zusammenarbeit mit dem Vorstand?
K.K: Das kann man uneingeschränkt so sagen. Ich erhalte die volle Unterstützung des Präsidiums und auch Zuspruch und aufmunternde Worte, wenn es mal nicht so läuft. Klaus Hafner, als für den Sportlichen Teil zuständiges Vorstandsmitglied hilft mir, wo immer er kann.
Sk: Was hältst Du davon, dass die Spiele live im Internet übertragen werden?
K.K: Die Übertragungen im Internet sind ein toller Service für die Fans, die nicht die Zeit oder die Möglichkeit haben, zu den Spielen zu kommen. Jetzt können sie zuhause zuschauen und uns die Daumen drücken.
Sk: Und wie bist Du mit der Unterstützung der Fans, die im Stadion sind, zufrieden?
K.K: Was die Fans leisten, ist einfach sensationell. Viele sind mit Herzblut dabei und geben alles für den Verein. Wir haben da sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Fans unterstützen uns wirklich gut. Wir als Mannschaft sehen uns daher auch in der Pflicht, alles zu geben, um die Fans zufriedenstellen zu können.
Sk: Bei einem Gewinn des Badischen Pokals würde der Club nach rund zehn Jahren wieder in den DFB-Pokal einziehen. Nimmt der SVW die Favoritenrolle an?
K.K: Die Favoritenrolle als der in der höchsten Liga von allen noch verbliebenen Mannschaften spielende Verein nehmen wir natürlich an. Aber es gehört auch ein Quäntchen Glück dazu. Du musst in einem Spiel auf den Punkt topfit sein, denn es ist ein K.O.-Spiel. Man kann bei einer Niederlage nichts mehr gutmachen. Das Ziel, Badischer Pokalsieger zu werden und in den DFB-Pokal einzuziehen, haben wir natürlich.
SK: Wird die Mannschaft in der Rückserie weiter zulegen können, oder ist man am oberen Limit angekommen?
K.K: Natürlich sind wir noch lange nicht am oberen Limit angekommen. Das sind ganz wenige Prozente die uns bisher fehlten, um z.B. näher am oberen Tabellendrittel dran zu sein. Der Mannschaft traue ich auf jeden Fall zu, am Ende der Saison unter den ersten fünf, sechs Teams platziert zu sein.
SK: Die Fans lechzen nach einem Aufstieg in die 3. Bundesliga. Nach der Offenlegung der Zahlen bei der Mitgliederversammlung schwindet bei vielen treuen Anhängern die Hoffnung, auf diesen heißersehnten Aufstieg. Was sagen Sie denen?
K.K. Ich bin kein Prophet und Hellseher, aber ich denke wir können auch mit diesem reduzierten Etat in der Spitzengruppe der Regionalliga mitspielen. Es dauert eben nur etwas länger, als wenn wir heute drei, vier fertige Spieler holen, die uns auf Anhieb verstärken könnten.
Fotos: Marco Bschirrer