Das Mega-Interview mit Waldhof-Coach Kenan Kocak
Das Mega-Interview mit Waldhof-Coach Kenan Kocak
Archiv Regionalliga (Fußball) | erstellt am Fr. 24.01.2014
Nur die wenigsten hatten den zuvor beim Oberligisten VfR Mannheim sehr erfolgreich arbeitenden Kocak auf dem Schirm gehabt. Ein halbes Jahr führt Kenan Kocak beim Regionalligisten nun die Geschicke in der sportlichen Leitung – und das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen.
Wir haben uns mit dem Waldhof-Coach getroffen und viele Fragen gestellt.
Sportkurier: Herr Kocak, ein halbes Jahr sind Sie jetzt Chefcoach beim Regionalligisten. Eine sehr intensive Zeit, wenn man das so reflektiert?
KENAN KOCAK: Ja, sehr intensiv. Es fand ja schon durchaus ein großer Umbruch statt. Wir haben die Saison mit einem deutlich niedrigeren Etat angehen müssen und personell war die Mannschaft vor meinem Antritt vertraglich schon zu 80 Prozent unter Dach und Fach gebracht. Ich konnte also nur noch mit wenigen, mir zu Verfügung stehenden Mitteln neue Spieler holen. Und nur durch gute Beziehungen, Verhandlungsgeschick, als auch den Vertragsaufhebungen von Christian Hepp und Stefan Steigerwald wurde der Spielraum geringfügig besser, sodass wir auf dem Transfermarkt tätig sein und das meines Erachtens Maximale herausholen konnten.
Sportkurier: Die Erwartungshaltung im Umfeld war während der Vorbereitungszeit recht groß. Gute Testspiele, als auch noch der eine und andere Neuzugang hatten Begehrlichkeiten geweckt.
KENAN KOCAK: Dabei darf man nicht vergessen, dass wir erst kurz vor Saisonbeginn und auch noch danach den einen und anderen Neuzugang holen konnten. Es kamen verletzte Akteure dazu und so war es nicht ganz einfach „ein neues Spielsystem“ umzusetzen, als auch „eine eingespielte Mannschaft“ von jetzt auf nachher präsentieren zu können. Gerade bei einer jungen Mannschaft, die über wenig höherklassige Erfahrung verfügt – muss man einer Entwicklung Zeit geben. Diese Zeit hat man aber nicht wirklich, da auch gerade beim SV Waldhof Mannheim die Erwartungshaltung bei den Fans und im Umfeld größer ist, als anderswo. Da stehst du automatisch als Spieler und Trainer unter einem größeren Erfolgsdruck, als wenn du für den KSV Baunatal vor 400 Zuschauern spielst.
Sportkurier: Ihre Mannschaft hat sich bei den meisten Begegnungen keinesfalls schwächer gezeigt als der Gegner. Dennoch sind auch Sie mit den erreichten 26 Punkten aus 19 Spielen nicht so wirklich zufrieden?!
KENAN KOCAK: Die Mannschaft hat in der Hinrunde eine gute Entwicklung genommen. Durch Rote Karten, damit
einhergehenden Spielsperren und verletzten Spielern war ein „einspielen“ der Mannschaft nicht ganz einfach. Wir hatten immer wieder eine andere Anfangsformation auf dem Platz. Die Leistungsschwankungen während eines Spiels, die waren manchmal zu groß. Und vor allem die Anzahl individueller Fehler war sehr hoch, viel zu hoch. Das kannte ich so nicht. Es waren nur Kleinigkeiten, Nuancen – die uns mit Sicherheit acht, neun Punkte gekostet haben. Wir wurden für unser Spiel nicht wirklich belohnt – der Aufwand und der Ertrag standen in keinem optimalen Verhältnis.
Sportkurier: Mit acht, neun Punkten mehr, wäre man im ersten Tabellendrittel platziert.
KENAN KOCAK: Ja, und genau dort hätte die Mannschaft auch durchaus stehen können am Ende der Hinrunde. Wir werden in der Rückserie erfolgreicher spielen, sofern wir von größerem Verletzungspech verschont bleiben. Davon bin ich zu hundert Prozent überzeugt.
Sportkurier: Was das Spielsystem betrifft. Sie mögen es, wenn ihre Mannschaft in einem Spiel überwiegend agiert. Konnte die Mannschaft dies in der Hinserie verinnerlichen?
KENAN KOCAK: Ja, durchaus. Wir hatten in den meisten Begegnungen mehr Ballbesitz als der Gegner und bis auf Mainz 05 wurden wir von keinem Gegner so wirklich bespielt. Ich möchte immer gerne, dass meine Mannschaften das Tempo eines Spiels selbst bestimmen. Dabei soll sich der Gegner nach uns richten und nicht umgekehrt. Gerade das Spiel gegen den Ball haben wir nach und nach sehr verbessert. Wir müssen jedoch weiter an unserem Pressing arbeiten. Das kann nur perfekt funktionieren, wenn die Jungs in den einzelnen Zonen Druck auf den Gegner ausüben und auf schnelle Balleroberung aus sind – und das muss als Team funktionieren, da darf keiner aus der Reihe tanzen. Auch die individuellen Fehler konnten wir mittlerweile minimieren, sodass wir uns hier auf einem guten Weg befinden. Wichtig wird es sein, mehr Konstanz hineinzubringen.
Foto: Marc Gallego kam vom SV Elversberg. Er spielt in Kocaks Planungen eine größere Rolle.
Sportkurier: Was hat es mit den Transfers von Avdic und Gallego auf sich. Ersterer hat ein halbes Jahr Vertrag, Gallego 2,5 Jahre.
KENAN KOCAK: Wir wollen in den nächsten ein, zwei Jahren eine Mannschaft stellen, die ein Gerüst von vier, fünf erfahrenen Spielern hat. Um diese erfahrenen Spieler herum, wollen wir junge, talentierte Spieler einsetzen. Marc Gallego ist mit seinen 28 Jahren und seinen Erfahrungen einer dieser Stützen. Deshalb freuen wir uns auch, ihn bis 2016 an den Verein gebunden zu haben. Einen Spieler wie Avdic kann sich der Verein unter normalen Umständen nicht leisten. Der Junge hat mit 22 Jahren bereits knapp 60 Drittligaeinsätze. Wäre er nicht vereinslos gewesen, hätten wir ihn niemals bis Saisonende zu uns holen können, das muss jedem bewusst sein.
Sportkurier: Wo sehen Sie ihre Mannschaft in der bevorstehenden Rückrunde bzw. was erhoffen Sie sich?
KENAN KOCAK: Ich möchte eine Weiterentwicklung des Teams sehen. Weniger individuelle Fehler, mehr Konstanz in unserem Spiel, weniger Verletzungspech und Neuzugänge die greifen. Wir müssen in der Liga auf einen Level kommen, wo wir uns sportlich gesehen mit den besten der Liga messen können – und dies ist durchaus zu realisieren. Des Weiteren wollen wir den Badischen Pokal gewinnen, damit wir uns für den DFB-Pokal qualifizieren und so auch ein warmer Geldregen in die Kassen des Vereins gespült wird.
Foto: Nachwuchstalent Christoph Becker hat sich durch gute Leistungen empfohlen.
Sportkurier: Nochmals kurz zu den Spielerabgängen. Wie bewerten Sie diese?
KENAN KOCAK: Dennis Franzin bekommt beim FSV Mainz 05 die Chance, den nächsten Schritt in seiner Laufbahn zu gehen. Da ist der Transfer nachvollziehbar, wenn uns dadurch auch ein wertvoller Spieler verloren ging. Fabian Schleusener hat es in seine Heimat gezogen, auch aus Gründen eines Studiums etc. Erich Sautner wird wohl zu Neustrelitz wechseln. Der Spieler könnte dort bedeutend mehr verdienen, als das was wir ihm bieten können. Es ist nun mal so und da dürfen wir auch nicht die Augen davor verschließen. Die Jungs wollen dort spielen, wo sie das meiste Geld verdienen können. Spieler kommen und gehen, das ist das Tagesgeschäft. Der Verein bleibt und nur um den geht es letztendlich auch. Ich denke wir haben die Spielerabgänge durch die getätigten Transfers mehr als kompensiert.
Sportkurier: Was hat es mit dem eigenen Nachwuchs auf sich. Setzt man auf ihn?
KENAN KOCAK: Franzin, Broll D., Kochendörfer, Bakis, Becker, das sind Spieler die zum Team gehören bzw. im Falle von Franzin, gehörten. Natürlich sind wir froh über jeden Spieler der aus den eigenen Reihen kommt. Aber es ist letztendlich auch immer eine Frage der Qualität. Es muss sich ein Spieler für höhere Aufgaben anbieten, empfehlen. Von einer Quotenregelung halte ich nichts. Haben wir die Qualität nicht in den eigenen Reihen, dann muss man sich auch mal extern um junge und entwicklungsfähige Spieler bemühen. Andere Vereine machen es doch auch so. Nehmen Sie Torhüter Kevin Broll. Der Junge hat schon Probetrainings beim FSV Frankfurt, Borussia Dortmund II und SC Freiburg II gemacht. Da sind Vereine, die hegen Interesse. Das macht es uns doch bei einer solchen Konkurrenz schwer, Kevin unter Vertrag zu nehmen, was wir natürlich gerne machen würden.
Foto: Beim Harder13-Cup (2. Platz) und Sparkassen-Cup (1. Platz) ließen die Waldhöfer aufhorchen.
Sportkurier: Apropos Christoph Becker und Steffen Kochendörfer. In der Hinrunde sah man beide Spieler selten bis gar nicht im Aufgebot.
KENAN KOCAK: Ja, und warum? Steffen hatte Verletzungen, die ihn immer wieder zurückwarfen. Er konnte doch nicht einmal mehrere Wochen am Stück beschwerdefrei trainieren. Ein gesunder und fitter Kochendörfer hat die Qualität für die Stammelf, keine Frage. Er ist jetzt auf einem guten Wege, die Rückserie wird es zeigen. Christoph Becker wurde im Endeffekt verheizt in der letzten Saison. Er spielte in der U 19 und war im Aufgebot des Regionalligateams. Er hat ohne Pausen gespielt. Völlig normal, wenn dann ein junger Spieler in ein Loch fällt. Das war zu Saisonbeginn bis in den Oktober hinein bei ihm der Fall. Aus diesem Tief ist Christoph heraus. Er bietet sich für höhere Aufgaben an – hat enorm zugelegt. Genau so muss es sein.
Sportkurier: Sind neue Talente aus den eigenen Reihen in Sicht?
KENAN KOCAK: Ja, wir haben da ein, zwei Spieler – die wir gerne vertraglich binden möchten. Namen nenne ich da noch bewusst keine. Yannick Haag hatte als A-Jugendspieler schon einen Einsatz im Spiel gegen TuS Koblenz. Auch er hat das Zeug, um den Sprung in den Regionalligakader zu schaffen. Aus der U23 bietet sich jetzt in der Vorbereitung auch wieder Luca Graciotti an. Er zeigt starke Leistungen und ist nach seiner Verletzung zu Beginn der Saison, auf gutem Kurs. Kann er diese Leistung stabil zeigen, werden wir noch viel Freude an ihm haben.
Sportkurier: Um nochmals den Etat anzureißen. Ist es überhaupt möglich, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln den Aufstieg in die Dritte Liga ernsthaft ins Auge zu fassen?
KENAN KOCAK: Sieht man nur unsere finanziellen Mittel, wäre es vermessen, einen Aufstieg in der kommenden Saison zu erwarten. Aber nicht immer sind die Mannschaften aufgestiegen, die das meiste Geld investierten. Von daher sind wir nicht chancenlos. Das Puzzle muss stimmen. Am Ende muss das ganze ein Bild abgeben. Und genau daran arbeiten wir zielorientiert. An einer Mannschaft, die als Einheit auftritt und bei der ein Rad in das nächste greift. Wir versuchen also mit weniger finanziellen Mitteln, den maximalen Erfolg zu erzielen.
Sportkurier: In einem größeren Interview hat Präsident Steffen Künster die Möglichkeiten aufgezeigt, was machbar wäre, wenn 60 Unternehmen z.B. mit einem jeweiligen finanziellen Engagement in einer Größenordnung von 10.000 Euro den Verein unterstützen würden. Er thematisierte dies auch bei einer Mitglieder-Versammlung der Mittelstandsvereinigung Mannheim.
KENAN KOCAK: Man kann es nicht oft genug kommunizieren in der Öffentlichkeit. Der Verein, dieses Präsidium, hat eine seriöse Vereinsarbeit geleistet in den letzten Jahren. Die Industrie und der Einzelhandel, als auch Gönner müssen sich einfach stärker bei diesem Verein einbringen. Wie soll ansonsten der Profifußball wieder Einkehr halten? Mit 600.000 Euro Etat kann man keinen Sprung in die 3. Liga planen. Und so lange wir als Verein nicht die erforderliche Unterstützung erfahren, so lange müssen wir versuchen in kleinen Schritten an unser Ziel zu kommen. Und dafür werden wir alles tun, um das realisieren zu können.
Sportkurier: Abschließend, was wünschen Sie sich im Verein verstärkt?
KENAN KOCAK: Ich wünsche mir noch mehr Zusammengehörigkeit und das in diesem Verein alle an einem Strang ziehen. Es gibt hier und da immer wieder Strömungen, die einem die Arbeit nicht unbedingt erleichtern. Wir sollten unsere Ziele nicht aus den Augen verlieren und uns auch bei kleineren Rückschlägen nicht aus der Ruhe bringen lassen. Wir haben ein klares Konzept und da müssen wir auch bei kleineren Krisen zusammenhalten. Das können wir in unserem Verein aber nur gemeinsam schaffen.
Sportkurier: Vielen Dank für das Interview und für den weiteren Verlauf der Vorbereitung viel Erfolg.
KENAN KOCAK: Danke.
Foto 1 lofi-czink – alle anderen Fotos Rhein-Neckar Picture
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