Dani BAIJENS (mitte, Löwen) wirft gegen Toma GADZA (rechts, Hamburg) und Elias KOFLER, links. Handball Herren 1. Bundesliga 11. Spieltag - Fr. 30.10.2026 - HCH Hamburg - Rhein Neckar Löwen. Bild: IMAGO/Claus Bergmann.

Dani BAIJENS (mitte, Löwen) wirft gegen Toma GADZA (rechts, Hamburg) und Elias KOFLER, links. Handball Herren 1. Bundesliga 11. Spieltag - Fr. 30.10.2026 - HCH Hamburg - Rhein Neckar Löwen. Bild: IMAGO/Claus Bergmann.

Rhein-Neckar Löwen: Zwischen erkennbarem Potenzial und einer ernüchternden Realität -Zwischenbilanz

Handball | erstellt am Mi. 04.11.2026

sport-kurier. Die Rhein-Neckar Löwen wollten sich in dieser Saison wieder nach oben orientieren. Nach elf Bundesligaspielen richtet sich der Blick jedoch zunehmend in die andere Richtung. Platz 13, 7:15 Punkte und zuletzt vier Niederlagen hintereinander beschreiben einen Saisonverlauf, der deutlich hinter den Erwartungen zurückbleibt. Der Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz beträgt lediglich drei Punkte. Das ist noch keine aussichtslose Situation, aber mehr als eine vorübergehende Ergebnisschwäche. Opel Handball-Bundesliga

Dabei fehlt es der Mannschaft nicht grundsätzlich an Qualität. Der Erfolg gegen Melsungen und der äußerst knappe Ausgang in Kiel zeigen, welches Leistungsniveau möglich ist. Das Problem liegt vielmehr darin, diese Qualität regelmäßig und über die gesamte Spielzeit abzurufen.

Anspruch und Wirklichkeit liegen auseinander

Nach dem achten Platz in der vergangenen Saison sollte der nächste Entwicklungsschritt folgen. Eine Europapokalteilnahme wurde vor Saisonbeginn zwar nicht ausdrücklich als verbindliches Ziel ausgegeben, die Orientierung war aber klar: näher an die oberen Tabellenregionen heranrücken. Dafür wurde der Kader gezielt verändert. Kentin Mahé kam aus Gummersbach, Jacob Lassen aus Hamburg, Aron Seesing vom Bergischen HC und Marius Steinhauser aus Hannover. Mit Niclas Mierzwa aus Winterthur ergänzte zudem ein junger Linksaußen die Mannschaft. Vier der fünf Neuzugänge brachten bereits Bundesligaerfahrung mit. Es handelte sich also nicht ausschließlich um ein langfristiges Entwicklungsprojekt mit unerfahrenen Spielern. Gleichzeitig endete mit dem Karriereabschluss von Patrick Groetzki eine prägende Ära auf dem Spielfeld. Die bisherige Bilanz lässt sich deshalb weder allein mit einem personellen Umbruch erklären noch an einzelnen Neuzugängen festmachen. Entscheidend ist, dass aus den vorhandenen Möglichkeiten bislang keine verlässlich erfolgreiche Mannschaft geworden ist.

Die Entwicklung ist bedenklicher als der Tabellenplatz allein

Nach dem 30:28 gegen Melsungen am 26. September standen die Löwen bei ausgeglichenen 6:6 Punkten. Seither kam aus fünf Begegnungen lediglich ein weiterer Zähler hinzu. Auf das Unentschieden in Wetzlar folgten Niederlagen gegen Eisenach, Kiel, Magdeburg und Hamburg. Besonders ernüchternd: Die Punkte gingen nicht ausschließlich gegen Titelanwärter verloren. Das 30:30 beim derzeitigen Schlusslicht Wetzlar und die 29:33-Heimniederlage gegen Eisenach wiegen in der Zwischenbilanz schwer. Auch die SAP Arena bietet bisher keinen verlässlichen Rückhalt in Form von Ergebnissen: Zwei Siegen stehen drei Heimniederlagen gegenüber. Auswärts gelang in sechs Anläufen nur ein Erfolg. Der Pokal liefert ebenfalls keine positive Gegenbilanz. Nach dem Weiterkommen in Kornwestheim schieden die Löwen am 22. September mit 33:35 bei Melsungen aus. Der vier Tage später folgende Ligaerfolg gegen denselben Gegner blieb somit ein Hoffnungsschimmer, aber kein dauerhafter Wendepunkt.

Gute Phasen reichen zu selten für Punkte

Wie nah die Löwen an einer starken Leistung sein können, zeigte das 36:37 beim THW Kiel. Die Mannschaft führte zur Pause mit 20:19 und verlor erst durch einen Siebenmeter nach Ablauf der Spielzeit. David Späth überzeugte mit 15 Paraden, Marius Steinhauser erzielte neun Treffer, Haukur Thrastarson sieben. Solche Auftritte sprechen gegen die pauschale Einschätzung, der Kader sei grundsätzlich nicht konkurrenzfähig. Auch gegen Magdeburg war die Partie wesentlich länger umkämpft, als das abschließende 23:31 vermuten lässt. Erst in der Schlussphase setzte sich der Meister deutlich ab. Darin liegt allerdings zugleich eine Schwäche: Gute Abschnitte werden noch zu selten zu einem vollständigen, erfolgreichen Auftritt zusammengefügt. Hinzu kommen drei Niederlagen mit nur einem Tor Unterschied – gegen Hannover, Göppingen und Kiel. Das relativiert die Vorstellung, die Löwen seien regelmäßig chancenlos. Es ersetzt aber keine Punkte und erklärt nicht die jüngsten deutlicheren Rückschläge.

Hamburg legt die Probleme im Angriff offen

Das jüngste 23:28 in Hamburg eignet sich besonders gut, um die Schwierigkeiten zu beschreiben. Zur Pause führten die Löwen noch mit 12:10. Nach einer erneuten Führung im zweiten Durchgang blieb der Angriff jedoch rund zwölf Minuten ohne Treffer. Aus einer aussichtsreichen Position wurde ein deutlicher Rückstand. Die Zahlen zeigen, dass dabei nicht nur das Herausspielen von Chancen problematisch war: Die Löwen verwerteten lediglich die Hälfte ihrer Würfe, trafen viermal das Aluminium und leisteten sich elf technische Fehler. Hamburgs Torhüter Robin Haug wurde mit 16 Paraden zum entscheidenden Gegenspieler. Michel Abt benannte anschließend die individuellen Fehler im Angriff als wesentlichen Grund für die Niederlage. Seine Aussage „Das nimmt Energie weg“ beschreibt auch die Wechselwirkung innerhalb des Spiels: Fehlwürfe und Ballverluste kosten nicht nur eigene Tore, sondern erschweren es, eine zuvor gute Abwehrleistung aufrechtzuerhalten. Auffällig ist deshalb vor allem die fehlende offensive Verlässlichkeit. Auf 36 Tore in Kiel folgten jeweils nur 23 gegen Magdeburg und Hamburg. Daraus lässt sich keine generelle Angriffsschwäche in jeder Begegnung ableiten – wohl aber eine erhebliche Schwankungsbreite.

Trainerwechsel ohne schnellen Ergebniseffekt

Am 12. Oktober trennten sich die Löwen von Maik Machulla, der sowohl als Cheftrainer als auch in der Kaderplanung Verantwortung getragen hatte. Ausschlaggebend waren laut Verein die enttäuschenden Pflichtspielergebnisse und insbesondere der Auftritt gegen Eisenach. Mit Michel Abt übernahm der bisherige Co-Trainer. Der 36-Jährige kennt den Verein aus zahlreichen Funktionen: als Nachwuchsspieler, Aktiver, Trainer der zweiten Mannschaft und seit 2025 wieder als Mitglied des Bundesligatrainerteams. Ein unmittelbarer Erfolgseffekt blieb aus. Allerdings wäre es zu kurz gegriffen, Abts Arbeit nach den drei Begegnungen gegen Kiel, Magdeburg und Hamburg bereits abschließend zu bewerten. Die ersten beiden Gegner gehören zur Ligaspitze. Die Niederlage in Hamburg zeigt wiederum, dass die Probleme nicht allein mit dem schweren Programm zusammenhängen. Die entscheidende Frage lautet daher weniger, ob der Trainerwechsel kurzfristig neue Energie freigesetzt hat. Wichtiger ist, ob unter Abt aus erkennbaren Leistungsansätzen mehr Beständigkeit entsteht.

Leistungsträger sind vorhanden – die Verantwortung bleibt gemeinschaftlich

Späth hat mehrfach gezeigt, dass er Spiele mit seinen Paraden offenhalten kann. Steinhausers neun Tore in Kiel und Kohlbachers sechs Treffer in Hamburg belegen ebenfalls die individuelle Qualität. Daraus ergibt sich jedoch noch keine dauerhaft tragfähige Mannschaftsleistung. Einzelne starke Auftritte konnten die jüngste Negativserie nicht verhindern. Personelle Einschränkungen gehören zum Bild: Edwin Aspenbäck fehlte zuletzt wegen Kieferproblemen, Kentin Mahé hatte vor dem Hamburg-Spiel mit einer Rippenprellung zu kämpfen. Diese Belastungen sind relevant, erklären aber nicht allein den bisherigen Saisonverlauf. Bemerkenswert ist, dass auch innerhalb der Mannschaft die Unzufriedenheit deutlich wird. Nach Darstellung von Südwest-Ballsport kritisierte Späth im Dyn-Gespräch insbesondere die geringe Torausbeute nach der Pause in Hamburg, stellte den Einsatzwillen des Teams aber nicht grundsätzlich infrage. Das spricht eher für Probleme bei Umsetzung und Sicherheit als für eine Mannschaft, die sich mit der Situation abgefunden hätte.

Neue Führung soll mehr als kurzfristige Beruhigung bringen

Neben dem Trainerwechsel wurde am 29. Oktober die sportliche Führung neu geordnet. Andre Bechtold übernimmt als Aufsichtsrat Sport die strategische Verantwortung, Uwe Gensheimer kehrt als Direktor Sport in eine zentrale Funktion zurück. Martin Berger ergänzt Abt als Co-Trainer. Der Verein will insbesondere die Kaderentwicklung und die Verbindung zwischen Nachwuchs und Profimannschaft stärken. Das ist eine nachvollziehbare langfristige Ausrichtung. Ihre Wirkung wird sich allerdings erst über einen längeren Zeitraum beurteilen lassen. Eine neue Struktur allein löst weder die aktuelle Abschlussschwäche noch die Schwierigkeiten in entscheidenden Spielphasen.

Die nächsten Wochen geben die Richtung vor

Nach der Länderspielpause empfangen die Löwen am 14. November Lemgo, reisen am 22. November nach Flensburg und treffen am 28. November zu Hause auf Bietigheim. Anschließend folgen Heimspiele gegen Stuttgart und Erlangen. Besonders das Duell mit Bietigheim besitzt angesichts der aktuellen Tabelle zusätzliche Bedeutung.

Das Zwischenfazit: Die Löwen haben genügend Qualität für eine bessere Platzierung, aber bislang zu wenig Konstanz, um daraus einen Anspruch auf das obere Tabellendrittel abzuleiten. Die Leistungen gegen Melsungen und Kiel machen Hoffnung. Die Ergebnisse gegen Wetzlar, Eisenach und Hamburg verhindern jedoch, die Lage lediglich als unglückliche Momentaufnahme einzuordnen.

Noch ist erst knapp ein Drittel der Bundesligasaison absolviert. Für eine Verbesserung bleibt ausreichend Zeit. Aktuell geht es aber weniger um die Rückkehr nach Europa als darum, die sportliche Entwicklung zu stabilisieren und den Abstand zur unteren Tabellenregion wieder zu vergrößern.

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